Aber das Huhn sieht es!

Ein Sikh-Meister gibt zwei seiner Lehrlingen jeweils ein Huhn und sagt: „Geht dorthin, wo niemand zusehen kann, und tötet das Huhn.“ Der eine geht hinter einen Schuppen und tötet das Huhn. Der andere wandert stundenlang umher und kehrt mit dem lebenden Huhn zurück. Der Meister fragt: „Was ist passiert?“ Seine Antwort war: „Ich kann keinen Ort finden, um das Huhn zu töten, an dem mich niemand sieht. Wohin ich auch gehe, das Huhn sieht es.“
Buddhistische Parabel: Aber das Huhn sieht es

Sind Tiere lebende Wesen mit Gefühlen oder Objekte?

Für den ersten Lehrling war das Huhn ein Objekt. Ein Problem, das gelöst werden musste. Für den zweiten war es ein Gegenüber. Ein Lebewesen, das interagiert und Gefühle hat. Das leben möchte, so wie wir. Diese buddhistische Lehrgeschichte ist 500 Jahre alt. Und sie bringt in zwei Sätzen auf den Punkt, was viele von uns, die sich für Tiere einsetzen, sehen: Tiere haben Gefühle und Rechte wie wir Menschen auch.

Ich war lange der erste Lehrling. Ich hab 40 Jahre lang nicht hingeschaut, Schnitzel, Steak, Thunfisch, Milchprodukte gegessen. Niemand hat mich gezwungen, ich habe mich einfach nicht damit beschäftigt.

Fühlen Tiere wie wir? Was die Forschung sagt

Tiere besitzen Sentience, also Empfindungsvermögen. Sie erleben Schmerz. Sie empfinden Angst. Sie erkennen ihre Nachkommen. Sie trauern. Das  ist eine wissenschaftliche Feststellung.

  • Die Cambridge Declaration on Consciousness von 2012 (PDF) hält schriftlich fest: Nicht-menschliche Tiere besitzen die neurologischen Strukturen, die für Bewusstseinszustände notwendig sind. Das gilt für Säugetiere, Vögel und sogar Tintenfische.
  • Ein systematischer Review (MDPI, 2013), der über 20 Jahre Forschung auswertet, kommt zum gleichen Schluss: Empfindungsvermögen ist bei vielen Tierarten kein Verdacht mehr. Es ist ein empirischer Befund. 
  • 2020 bewies ein Team der Uni Tübingen in einer Science-Studie erstmals neurologisch, dass Krähen subjektive Wahrnehmung haben. Ihr Gehirn verarbeitet Sinneseindrücke bewusst, nicht rein reflexartig.
  • 2021 zeigte eine iScience-Studie, dass Oktopusse emotionalen Schmerz erleben. Sie meiden gezielt Orte, an denen sie Schmerz hatten. Und wenn der Schmerz nachlässt, suchen sie diesen Ort wieder auf.

Haben Tiere dieselben Rechte wie wir?

Das ist die unbequeme Folgefrage. Wenn Tiere Schmerz erleben, soziale Bindungen eingehen, wenn sie trauern und Angst kennen: warum zählt ihr Leben dann weniger? Nicht aus biologischen Gründen. Nicht aus wissenschaftlichen. Wir haben es schlicht so eingerichtet, dass die Antwort nicht stört. Verpackungen zeigen grüne Wiesen, glückliche Tiere, Sonnenlicht. Keine Augen, die zurückschauen.

Warum schauen wir weg?

Die Psychologin Melanie Joy nennt das Karnismus. Das unsichtbare Glaubenssystem, das entscheidet, welche Tiere wir lieben und welche wir essen. Melanie Joy „Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen“

Es ist keine persönliche Schwäche; es ist ein System, das davon lebt, dass du nicht hinschaust.

Der zweite Lehrling hat diese Distanz nicht aufrechterhalten können, weil er mehr Mitgefühl hatte und das Huhn als fühlendes Wesen wahrgenommen hat, nicht als Objekt.

Bleib verrückt, bleib mutig genug hinzuschauen.
Deine Crazy Vegan Neighbor 💚 Kirsten 

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